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Schwiegersöhne haben's leichter
Ja, ich gebe es zu: Die Dinge wiederholen sich, das sin-o-meter bietet nur noch banale Alltagsgeschichten.
Heute klingelt im Seminar zum Thema „Verfassen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit“ kurz vor Schluss das Mobiltelefon eines Studenten. Normalerweise finde ich das ja nicht so toll, doch rasch stellt sich heraus, dass Professorin Kong am anderen Ende der Leitung spricht. Sie lässt mir ausrichten, dass gleich nach dem Seminar Prof. Hallmeyer, ein Gast aus Mannheim, einen Vortrag zur Gesprächsanalyse (Teilbereich der Textlinguistik) halten wird, zu dem ich mitsamt allen Studenten des Seminars natürlich auch geladen bin. Die Kollegin entschuldigt sich auch gleich: „Habe ganz vergessen dir zu sagen.“ Der Professor ist sehr freundlich, nicht so das Klima in dem Raum, das Fenster nach Norden oder Westen hat, jedenfalls ist die Sonne nicht zu sehen und ich bekomme kalte Füße. Zur Entschädigung bittet Prof. Kong den deutschen Professor, einen Kollegen und mich zum Essen in das feine Restaurant Xin Zazhi. Ich krame immer mal wieder meine angestaubten Brocken aus einem Brinker-Seminar in Hamburg 1990 hervor (Klaus Brinker, angesehener Textlinguist) und der Professor aus Deutschland weiß mit dem Ergebnis einer empirischen Untersuchung zu generationsübergreifenden Gesprächen innerhalb von Familienverbänden zu verblüffen: Dabei, so erklärt er, bildeten sich archaische Muster ab: Die Schwiegertochter habe tendenziell die geringsten Redeanteile. Schwiegersöhne hätten's leichter. Professorin Kong bestätigt: Das könne in der Tat in China auch so sein.
Unverhofftes Wiedersehen
Nanu, wer stellt sich denn da heute im GoDi der internationalen Gemeinde als Neuling vor? Hans, ein mir bekannter Student aus Deutschland und gleich daneben eine deutsche Studentin, die schon auf dem Ausflug zum Qixia-Berg (sin-o-meter berichtete) mit dabei war. Da sind sie also wieder, die U-Boot-Christen, die unvermittelt wie aus dem Nichts mitten im Meer der Möglichkeiten auftauchen. Allerdings bekennt Hans, der Stil sei nicht so ganz sein Ding. Heute predigte ein Kameruner (ich vermute das, weil er ein Englisch mit französischem Einschlag spricht, das aber wiederum so gut ist, dass es eben nur Kamerun sein kann) mit dem für Schwarzafrikaner typischen Temperament und einer mitunter auch etwas gewollten Exegese. Dann muss er die Predigt spontan abkürzen, weil es schon halb zwölf ist (GoDi-Beginn: 9.30Uhr). Noch eine Deutsche gesellt sich nach dem GoDi zu der kleinen Gruppe Deutscher: Simone, Gast aus einer kleineren Stadt zwischen Schanghai und Nanjing.
Unterwegs nach Purple Mountain - Teil 2
Diesmal nehme ich die Seilbahn. Man gönnt sich ja sonst nichts. Kostet auch nur umgerechnet sieben Mark, dafür kann man in Deutschland nicht mal 'ne halbe Stunde – so lange dauert der Seilzug auf die 448 Meter – Zug fahren. Diesmal ist das Wetter kälter und doch viel besser als vor einer Woche. Denn endlich sehe ich die Wolkenkratzerlinie von Nanjing. Im Mittagsdunst sieht sie entschieden ein bisschen postkartenreif aus, auch wenn man mit New York natürlich nicht mithalten kann. Im Vordergrund erstreckt sich die kilometerlange Seilbahn, die endlose Folge lindgrün überdachter Zweisitzer, über die grün-bunten Hänge des Purpur-Bergs. Kalt ist es geworden. Immerhin scheint nach zwei Tagen Dauerregen wieder die Sonne. Ich wandere über den Grat – auch hier breite, gepflasterte Wege – hinab ins Tal auf der Südseite der Hügelkette. Dort erwartet mich der Linggu-Park mit einer riesenhaften Pagode. Dass einem ein Wanderweg einfach abgeschnitten wird, indem man an einem Kontrollpunkt umgerechnet 16 Mark Eintritt zahlen muss, kommt mir reichlich ungelegen. Ich dringe in das 16-Mark-Areal, das ich ja nur als Wanderer, nicht als Tourist durchqueren will, also lieber über die so genannte grüne Grenze ein, jenseits der ausgetretenen Touristenpfade. Dabei bleibt meine schöne, graue Posthose an dem Stacheldraht hängen, der den zwei Meter hohen Zaun krönt. Naja, vom Rad fallen ist schlimmer. Selbstverständlich würdige ich die Pagode kaum eines Blickes, ich bin ja nicht als Tourist hier, sondern als Wanderer auf der Durchreise, gelange dann aber immerhin noch zur Sun-Yat-Sen-Gedenkstätte (unweit des bereits besuchten Mausoleums, siehe 13.9.). Schließlich passiere ich einen Amüsierpark, komme an einem seismologischen Institut vorbei, dessen Hunde mich verbellen, und lande zusammen mit einem Trupp Jugendlicher, denen ich es einfach gleichtue, in Bus Nr. 2, der mich zurück bringt in die Stadtmitte. Nächste Woche dann Teil 3, wenn das Wetter so bleibt.
Aus dem Rennen
Pustekuchen. Ich lese eher versehentlich meine Nachrichten unter dem alten Dienstleister web.de und an die Adresse schickt Herr Li (sinngemäß): Wir haben unsere Auswahl schon gemacht. Wer etwas dagegen hat, bitte umgehend mitteilen, da wir bis heute 18 Uhr die Liste an die Veranstalter in Guangzhou schicken müssen. Natürlich ist diese Frist längst Vergangenheit (denn ich lese die Nachricht ja einen Tag später) und natürlich haben Herr Li und seine Kollegen zwei (von insgesamt acht) ganz andere Studenten ausgewählt, als ich es getan hätte. Für mich zählt ja nur Grammatik. Ich repliziere leicht gereizt: „Eure Kandidaten werden kaum Chancen haben. Die waren bei mir schon am ersten Abend aus dem Rennen.“ Ich ergänze (sinngemäß): Naja, nun ist's geschehen. Machen wir das Beste draus. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und ist eine sehr ausführliche Begründung für die Entscheidung, an der sich ja nun nichts mehr ändern lässt.
Da fragt man sich natürlich: War meine Meinung wirklich gefragt?
Wieder debattieren
Heute wieder Debattier-Probe. Ich muss aber korrigieren. Einer E-Mail zufolge soll überraschend bereits morgen feststehen, wen wir entsenden. Ich rufe also den zuständigen Lehrer, Herrn Li (genau, der, der am 9. Oktober wieder ins Bett durfte) an und der sagt mir: „Nein, heute ist nur die Vorauswahl. Entscheidende Auswahl, wie gesagt, Sonntag.“ Ich kann also beruhigt weiterkorrigieren.
Der Tintenkiller der Zukunft
Zwischenprüfungswoche. Das bedeutet stöhnende Studenten an allen Fronten und Korrekturen (an insgesamt 77 Prüfungen) bis zwei Uhr nachts. Die herausragende Beobachtung innerhalb dieser Woche ist wohl die Studentin, die mit folgender innovativer Technik ihre Fehler verschwinden lässt: Der Tintenkiller der Zukunft, der hier entwickelt wurde, ist Tesafilm, den man auf das auszutilgende Wort drückt und dann wieder abreißt mit dem Ergebnis: Papier dünner, Fehler futsch. Verblüffend!
Ausgerechnet der Absolventenjahrgang scheitert an einer vermeintlich leichten Übung. Der mit Fehlern gespickte Ausschnitt aus einer fiktiven Abschlussarbeit hat bei den meisten Studenten nach der Zwischenprüfung mehr Fehler als vorher. Ziel der Klausur war aber eigentlich, alle Fehler auszumerzen, und nicht, neue hinzuzufügen, indem man richtige Sätze vermurkst: 80 Prozent durchgefallen. Da müssen wir wohl noch mal ran.
Afrikaner unter sich
Heute bin ich wieder im englischsprachigen GoDi der St.-Paul's-Kirche. Ich treffe zwei Liberianer, einen Mann, eine Frau, die in Nanjing studieren. Beide sind in dicke, grüne Armeemäntel gehüllt. Immerhin haben wir jetzt tagsüber mitunter nur noch 15 bis 19 Grad. Das sind für Westafrikaner extrem niedrige Temperaturen. Ich gebe mich sofort als Exil-Guineer zu erkennen – und siehe da, der Student der Technischen Universität war zur selben Zeit in der Dschungelregion von Guinea wie ich (1996): er als Flüchtling in einem südguineischen Flüchtlingslager (wegen des Bürgerkriegs in Liberia, siehe auch „Blood Diamond“), ich auf Missionstour mit dem Jesus-Film. Wir fachsimpeln über Afrika, dass die Chinesen neben uns aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Schließlich mache ich mich auf den Weg nach Hause. Na, noch nicht ganz, denn unten vor dem Eingang steht Emilie (französische Schreibweise) mit einer Freundin und kommt noch mal auf die geplanten études françaises (sin-o-meter berichtete) zu sprechen. Mal sehn...
Unterwegs nach Purple Mountain
Heute ist der Zijin- oder Purpur-Berg dran. Er befindet sich westlich vom Xuanwu-See, den ich auf meinem Weg passiere, und ist Teil eines riesigen Naherholungsgebietes, in dem sich auch das Sun-Yat-Sen-Mausoleum befindet, das ich Mitte September (sin-o-meter berichtete) als Teil der Spezialveranstaltung für ausländische Lehrkräfte bereits besichtigen durfte. Das ganze Unterfangen ist im Grunde eine Miniatur-Ausgabe meiner Huangshan-Tour: Im Verhältnis zur Größe des Areals sind genauso viele Leute auf den steinernen Treppen unterwegs. Wie dort gibt es eine parallele Seilbahn für Faule und Fußkranke und einen tiefer gelegenen Antennengipfel, wie dort stellt sich mit zunehmender Dienstgipfelhöhe auch wieder der berüchtigte Clooney-Effekt (sin-o-meter berichtete) ein. In einem Rast-Pavillon finde ich mich unvermittelt in einer kichernden vierköpfigen Mädchengruppe wieder; die trauen sich noch nicht. Wenig später aber darf ich für eine gemischte Gruppe posieren (das peinliche Fragen übernehmen die Jungs). Oben auf dem höchsten Punkt, dem Purpur-Gipfel, treffe ich sie wieder. Eines der Mädchen hat das Kunststück fertig gebracht, ihr Kuscheltier, einen ca. einen Meter langen hellblauen Plüsch-Delfin, bis hierher auf dem Arm zu tragen. Das ist wahre Liebe! Immerhin sieht der Delfin mit seinen Knopfaugen ungefähr so viel von der Tiefe, die wir überragen, wie ich, denn heute ist ganz Nanjing in einen dichten Dunstschleier gehüllt.

Ich raste eine Zeit lang auf einer Treppe vor einem Pavillon. Unten auf dem Platz, den ich überblicke, amüsiert sich ein Trupp Ausflügler mit den üblichen Spielchen (sin-o-meter berichtete). Hinter mir kichert es schon wieder: Offenbar hat sich ein Mädel den Spaß gemacht, sich mit meinem Rücken als Hintergrund vor dem Pavillon ablichten zu lassen. Dann kommt ein Junge, wohl aus derselben Gruppe, die Treppe emporgestiegen, will ein Foto mit mir. Und kaum dass ich eingewilligt habe, husch, sitzt die Kichererbse auch schon neben mir. Clooney von vorne ist eben doch besser.
Ich sitze noch ein paar Minuten allein. Ehe dann aber die nächsten Kandidaten von unten kommen, geht es bergab mit mir. Doch auch unten im Tal, wo ich in einem Park, in dem viele Hunde, die gute Aussichten haben nie in einer Suppenschüssel zu landen, Auslauf haben, auf einem Felsen meine letzte Pause einlege, bin ich nicht lange allein: Ein ehemaliger Angestellter oder Beamter des öffentlichen Dienstes, Stadtverwaltung oder so, über sechzig und schon pensioniert, wie er mir erzählt, probiert an mir sein nicht ganz unangestrengtes Englisch aus. Jeden Satz kaut er einmal für sich vor, ehe er ihn an mich richtet. Hat was von Professor Hastig aus der Sesamstraße. Denn es entstehen minutenlange Gesprächspausen, in denen ich hilflos in die Luft gucke. Europäer können so was eigentlich nicht, solche Gespräche führen. Ich erfahre immerhin, warum der Berg heißt, wie er heißt, weil nämlich die Felsen oben eine braunrote Färbung haben. Ist mir gar nicht so aufgefallen. Da der rüstige Rentner nicht die geringsten Anstalten macht, von meiner Seite zu weichen, blase ich am Ende zum Aufbruch. Er ist mir behilflich und begleitet mich zu einer Bushaltestelle, an der Bus Nr. 20 halten wird, der mich zum Nordrand der Uni bringt. Da er offenbar nie ohne eine alte Armeekarte das Haus verlässt, verdanke ich dem freundlichen Herrn schließlich auch noch die wertvolle Information, auf welcher Höhe ich mich auf dem Höhepunkt des heutigen Tages befunden habe, nämlich auf exakt 448 Metern. Huangshan in Miniatur eben.
Debattier-Wettbewerb
Da soll ich bewerten, schulen und bei der Auswahl helfen. Wir treffen uns nachmittags im Salon des Instituts. Insgesamt acht Studenten sind in der Endauswahl als Kandidaten der Universität Nanjing für den Deutsch-Debattierwettbewerb in Guangzhou. Zwei werden am Ende geschickt werden. Drei Lehrer, mich eingerechnet, hören sich an, was die Studenten hier in deutscher Sprache zuwege bringen. Das spannende Thema, das ihnen zum Üben aufgedrückt wurde, lautet: Leben in der Stadt oder am Stadtrand, was ist besser? Ich komme am Ende zu einer etwas anderen Einschätzung als die chinesischen Kollegen. Bei mir kann man nämlich nur punkten, wenn die Grammatik stimmt.
Grand Prix d'Asievision de la Chorégraphie
„Friendship with the Five Continents“ ist der Titel einer Gala aus Anlass des „30. Geburtstages freundschaftlichen Austausches der Provinz Jiangsu mit dem Ausland“. Eigentlich wollte ich beim Büro für ausländische Angelegenheiten nur fragen, ob mein Scanner schon repariert sei, da erfahre ich, man suche schon dringend nach mir. Es wird eilig telefoniert und ehe ich weiß, wie mir geschieht, führt mich eine Assistentin zum Ostausgang des Universitätsgeländes, wo ein Bus mit lauter ausländischen Professoren und Studenten auf mich wartet. Ich sitze neben einem Geologie-Professor, der Kurzzeitdozent in Nanjing ist. Als er erklärt, er komme aus Deutschland, können wir das Gespräch auf Deutsch fortsetzen. „In meinem Wohnheim war ein Zettel, der besagte, wir würden zu dem Empfang um 17.40 Uhr abgeholt“, erkläre ich. Aber die Zeit wurde geändert, sodass die ursprünglich mir mitgeteilte Zeit doch die richtige war. Was uns erwartet, wissen wir alle nicht, aber es wird was zu essen geben, und zwar, wie wir sogleich sehen, in einer Ausstellungshalle des Expo-Geländes Nanjing, einem riesigen, neu aus dem Boden gestampften Areal, das jetzt am Abend überall bunt leuchtet. In der mit rotem Teppich ausgelegten Halle befinden sich geschätzte tausend Leute an verschiedenen Tischen. Ich sitze zwischen Karen, einer Lehrerin aus den USA, die ich aus der St.-Paul's-Gemeinde kenne, und amerikanischen Studenten. Es gibt ein Drei-Gänge-Menü und deutsches Brot (woher haben die das?), nebenbei halten die üblichen Repräsentanten der Provinzverwaltung die standesgemäßen Reden.
Das setzt sich auch im Stadion des Olympiazentrums fort, einer geschlossenen Arena. Doch dann verschwinden die offiziellen, roten Pappmaché-Aufsteller oder Spruchbänder und die Konferenzteilnehmer davor, um einer atemberaubenden Schau Platz zu machen: Künstler aus verschiedenen Ländern bieten einen Mix aus Musik, Akrobatik und Tanz. Ein Bilderrausch aus Farben, Funken und Figuren, der wegen seiner Vielfalt von ferne an den Grand Prix de la Chanson erinnert. Wie dort bleiben auch hier die Deutschen leider etwas blass: Eine Musik-Kapelle mit Mädchen in weißen Kniestrümpfen, kurzen blauen Röcken und weißen Hemden, die Männer passend dazu im weißen Hemd, sorgt dafür, dass das klassische Deutschlandbild ja nicht ins Wanken gerät. Wer solche Blasmusiker hat, braucht keine Klischees mehr! Naja, immer noch einen Tick besser als die No Angels! Auch das Fernsehen (die Rundfunkanstalt von Jiangsu) ist dabei und wirbelt mit Kameras auf der Bühne herum.
Ein Höhepunkt ist am Schluss, gegen 22.30 Uhr, natürlich mal wieder China: Ein Ausschnitt aus einer Peking-Oper wird gezeigt. Ihr kennt das: Da singt eine Frau in höchsten Quietscheentchen-Tönen und ist umgeben von kostümierten Hofschranzen und -schergen in traditioneller chinesischer Dynastiekluft. Ich denke: Tja, damals durften nur Männer in der Peking-Oper singen, das ist ja nun, wie man sieht (und hört), vorbei. Da wird die Sängerin nach der Darbietung von dem Moderatoren-Duo interviewt und entpuppt sich als Mann. Und der singt abschließend ein Duett mit sich selbst: als quietschhohe Frauenstimme und normale Männerstimme: wirklich beeindruckend!
Dass ich zuvor zweimal meine Eintrittskarte liegen ließ und erst mit einer Ersatzkarte ausgestattet doch noch zugelassen werden konnte, zuvor jedoch am Eingang als Depp vom Dienst zurückbleiben und schließlich in der Halle wegen der Kartennummer von allen anderen aus dem Bus getrennt sitzen musste, fällt da wirklich nicht mehr ins Gewicht.
Von verlorenen Schlüsseln und verdampftem Wassser
Irgendwie bin ich im Alltag angekommen. Das erkennt man daran, dass sich auch die üblichen Peinlichkeiten endlich wieder einstellen. Ich komme nach Hause und stelle beim Versuch die Wohnung aufzuschließen verstört fest, dass mein Schlüssel weg ist. Habe ich den im Unterricht liegen lassen? Ich gehe zur Rezeption, um nach einem Ersatzschlüssel zu fragen. Dort liegt mein Schlüssel. Ich muss ihn stecken gelassen haben.
Nachmittags dann die erste Fachbereichs- bzw. Institutssitzung in meinem Beisein. Der Weg führt durch eine dichte, graue Nebelsuppe. Die Abschlussarbeiten werden verteilt: Jeder der insgesamt zehn Hochschullehrer darf zwei Studenten betreuen. Das wird ein Spaß!
Szenenwechsel: Ich sitze am Computer, um Prüfungen zu erstellen (damit werde ich noch den Rest der Woche zu tun haben). Was ist eigentlich aus dem Wasser geworden, das ich vor geraumer Zeit auf den Herd gestellt habe? Antwort: Das Wasser ist Dampf und der Kochtopf Schrott.
Morgens halb sieben in China
Ich muss mich beeilen rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen, damit ich den Zug nicht verpasse. Ich steige ein und erblicke in der Bahn eine Person, die ich kenne. Ich überlege, ob ich sie anspreche, aber ich kann, nein, ich will das jetzt nicht. Meine Lippen sind versiegelt. Ich bleibe stehen. Muss sowieso bald aussteigen. Habe ich mein Fahrrad dabei, das ich festhalten muss? Weiß nicht mehr. Dann hält die AKN auf Höhe der Autobahn, an der Brücke, obwohl da gar keine Haltestelle ist. Die bekannte Person steigt auch aus. Es geht zurück Richtung Großenaspe, Surhalf (dort hatte ich im August meine Physiotherapie). Ich denke: Was soll der Quatsch, wieso nehme ich die AKN, wenn ich nur in den Surhalf will? Ich richte nun das Wort an die Person neben mir: „Da hätte ich auch direkt hingehen können, das wäre schneller gegangen.“
Was man so träumt zwischen 6.12 Uhr und 6.21 Uhr, wenn man den Wecker noch mal kurz zum Schweigen bringt, ehe man aufstehen muss am Montagmorgen...
Dann macht es BUMM!
Es hat gekracht. Instinktiv blicke ich, selbst gerade dabei, die riesige Kreuzung zwischen Guangzhou Lu und Shanghai Lu zu überqueren, da die Fahrbahn gerade frei zu sein schien, nach rechts in Richtung des Knalls und werde Zeuge des Zusammenstoßes einer jungen Motorroller-Fahrerin mit einem roten Auto. Da man ja hier üblicherweise geht oder fährt, wenn kein Auto kommt, weiß ich nicht mal, wer Schuld hat, aber ich glaube, das Auto hatte Grün. Drei, vier Meter weit wird das Kraftrad nach vorne geschleudert. Die Fahrerin (ohne Helm, ist hier nicht so üblich) ist derweil von ihrem Gefährt in ihre ursprüngliche Fahrtrichtung geworfen worden und liegt da erst mal verstört auf dem Asphalt, kommt aber schon wieder hoch. Der Fahrer hat gehalten und hilft. Warnblinker hat er vergessen (ist hier wohl auch nicht so üblich). Vielleicht, denke ich, sollte ich mir lieber doch kein Fahrrad zulegen hier. Schließlich neige ich ebenfalls dazu, bei Rot über die Ampel zu fahren. Ist in China ja auch ganz normal.
Bleiben wir erst mal zu Fuß unterwegs: Ich promeniere durch einen Park, der letztes Jahr neu angelegt wurde und noch nicht ganz fertig ist, und sinne über dies und jenes nach. Was habe ich eigentlich letztes Jahr um diese Zeit gemacht. Wie war das, als damals die Uhren plötzlich anfingen anders zu gehen? Und gingen sie danach richtig oder falsch? Hier gehen die Uhren auch anders, aber es gibt keine Sommerzeit (nur eine Stunde später Bundesliga). Ab und zu staune ich noch, dass Gott mich so mir nichts, dir nichts wieder nach China entlassen hat. Aber es ist ein guter Weg, den er mit mir geht. Und ich bin hier als Christ nicht allein: Heute Morgen im Gottesdienst der internationalen Gemeinde (Predigt von einem agilen Filipino) gab es eigens einen Empfang für allein stehende Leute. Ich lernte Afrikaner aus Ghana und Gabun, aus Nigeria, Simbabwe und der Zentralafrikanischen Republik kennen, eine Medizinstudentin aus Mikronesien (die ich nach dem Mückenbestand auf ihrem ach so paradiesischen Südsee-Eiland befragte), eine Neuseeländerin, natürlich auch ein paar Amerikaner und Amerikanerinnen (eine sieht aus wie Sandra Bullock) und: eine Schwäbin. Als ich sie um ihre E-Mail-Adresse bat (um eine weitere Sprachpartnerin für meine Studentinnen zu gewinnen), stellte sich heraus, dass wir kurz zuvor bereits per E-Mail miteinander kommuniziert hatten, weil sie schon auf meiner Kontaktliste stand. Ich bin ja hier auch so eine Art Koordinierungsstelle für deutsche Studenten. Diejenige, die mein Päckchen fand, fragte mich sogar, ob ich (ich: seit 6 Wochen hier) wisse, wo es hier einen des Englischen mächtigen Zahnarzt gebe. Sie hat ihn aber auch so gefunden und schrieb mir zum Beweis dessen eine Nachricht: „Wurzelbehandlung erfolgreich hinter mich gebracht, juhu!“
Libr-o-meter
Was dem film-o-meter die neuesten Filme, sind dem sin-o-meter die neuesten Bücher: Für meine Bibliothek spendet mir das Goethe-Institut jährlich die von den Kritikern (und von mir) favorisierten Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt. Filme sehe ich kaum noch. Ich lese. Was auch sonst, bei solchem Service: Der neue Walser, Lenz, Handke, Enzensberger sind inzwischen bei mir eingetroffen. Als Sonderwunsch habe ich noch „Krabat“ von Otfried Preußler angefordert.
Per E-Mail bekomme ich heute von einer deutschen Studentin Nachricht, dass da ein Paket für mich unten am Empfang ihres Hotel-Wohnheims liege. Da ist wohl was falsch zugestellt worden! Ein Glück, dass sie mich von dem Studententreffen am 20. September (sin-o-meter berichtete) kennt. Sonst hätte ich „Krabat“ und das dramatische Einwandererschicksal „Das dunkle Schiff“ von Sherko Fatah vielleicht gar nicht erhalten. Buch des Monats ist für mich indes „Flughunde“ von Marcel Beyer, ein nicht mehr ganz druckfrisches Buch aus „meiner“ Bibliothek, das nachvollziehbar zu machen versucht, wie Helga Goebbels ihren Vater sah (wen's interessiert: Kritik von mir bei Amazon.de).
Ehemaligentag
Heute war nach viel Routine wieder ein etwas aufregenderer Tag. Es begann damit, dass ich endlich den GoDi besucht habe, zu dem ich am ersten Wochenende hier vergeblich unterwegs war (siehe 14.9.). Er fand im fünften Stock eines Hotels statt. Inder, Afrikaner, Amerikaner, Briten, Deutsche – der Name „international Fellowship“ ist mehr als verdient.
Es ist der typische Kontrast, den man auch aus Deutschland kennt: Hier der GoDi im Freikirchenstil mit Lobpreisteil inklusive Keyboard oder Gitarre und Schlagzeug und einem stärkeren Akzent auf persönlichen Beziehungen, dafür ohne jedes Zeitgefühl (eine Predigt sollte nach meinem Dafürhalten 25 Minuten nicht überschreiten, es sei denn, Parzany oder Theo Lehmann oder Otto-Uwe predigt); dort, d. h. in der chinesischen Gemeinde, die eher landeskirchliche Prägung mit einem geraffteren und stärker ritualisierten Ablauf und Tasteninstrument statt Gitarre. Bei der Vorstellung der Neuen folgte ich auf Rita, die ich schon letzte Woche im chinesischen GoDi getroffen hatte. Sie wollte wohl auch mal was Neues ausprobieren. Am Ende traf ich dann sogar einen Deutschen. Nächste Woche werden alle Neuen eigens mit einem Mahl geehrt; da muss ich wohl noch mal hin. Und dann mal sehen, wo ich bleibe.
Wo ich am Nachmittag abbleiben würde, das war schon festgelegt: Ein Treffen mit der einzigen ehemaligen Studentin aus meiner Zeit in Yanji, die es beruflich nach Nanjing verschlagen hat, stand an. Wir trafen uns in der Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel. Ich wartete und wartete, aber wo blieb sie? Zum Glück hatte ich ja in Schanghai selbst durch Unpünktlichkeit geglänzt. Also tat ich heute Abbitte und nahm mir vor, mindestens so lange zu warten, wie ich in Schanghai die beiden jungen Damen hatte unschlüssig Ausschau halten lassen. Und siehe da, Jin Lan war schon nach 15 Minuten da! Ihre Reisezeit zum Treffpunkt mit dem Bus: eine Stunde und 15 Minuten. Großstadt. Wir gingen gemeinsam in einen dieser typischen chinesischen Parks: mit hoch gewölbten Brücken über schmale Wasserwege, deren Nass leider von kristallklar so weit entfernt ist wie Schanghai von Lhasa. Zu Bild und Ton so eines Parks gehören neben Pagoden oder kleinen Tempelanlagen mit den obligatorischen Räucherstäbchen auch Chinesen, die öffentlich ihrer Sangeskunst hingegeben sind. Ich erfahre, dass Frau Jin nicht nur heute und hier auf einem guten Weg ist, auch ihr Deutsch kommt nach zwei Stunden schon viel weniger stockend und das freut den alten Lehrer doch. In einem typisch chinesischen Restaurant der Marke Kentucky Fried Chicken lassen wir den Nachmittag traditionell chinesisch ausklingen.
Aber damit war der große Tag der Ehemaligen noch längst nicht zu Ende, denn als ich am Abend die Rainer-Werner-Fassbinder-DVD sichte, mit der ich irgendwann mal Deutschlands fünfziger Jahre illustrieren möchte, ruft mich Liu Chao an, eine Studentin des Jahrgangs 03, die sich ewige Sympathien bei mir erworben hat, weil sie mir zum Abschied meiner Zeit in Nordchina eines meiner chinesischen Leibgerichte an den Zug brachte. Sie hat das gar nicht so häufige Kunststück fertig gebracht, in einer deutsch-chinesischen Firma immer mit Deutschen zusammenzuarbeiten und auf diese Weise ihren deutschen Wortschatz beträchtlich zu verbessern. (Ihr Lieblingswort ist „wunderschön“.) Dass es ihr im Rahmen dieser Zusammenarbeit, die eine Zeit lang in einer Montagehalle für Zugteile erfolgte, wo z.T. raue Umgangsformen herrschen können, gelungen ist, die Vokabel Popolöcher als Alternative zu einem wesentlich gröberen, dort offenbar gebräuchlichen Ausdruck desselben semantischen Gehalts zu etablieren, zeugt nicht nur von einer gewachsenen sprachlichen Kreativität, sondern auch von dem nicht minder erfreulichen sittlichen Einfluss, den der befruchtende interkulturelle Austausch zwischen chinesischen Deutschlernern und deutschen Muttersprachlern wirksam werden lassen kann.
Solche und andere Berichte aus dem Alltag einer Ex-Studentin ließen die Fernsprechminuten sich verflüchtigen wie Tautropfen im Nanjinger Sommer, diese gar zu Stunden werden und den heutigen Tag schlussendlich als Ehemaligen-Tag in das sin-o-meter eingehen.
Großstadt-Freudiana
Der Vortrag des Psychoanalyse-Doktors aus Frankfurt über „Hero“ beginnt um 16 Uhr und der Hörsaal im vierten Stock der School of Foreign Studies ist bis zum letzten Platz gefüllt. Für mich ist nur noch ein kaputter Klappsitz übrig, auf dem man den Schwerpunkt geschickt ausbalancieren muss, damit man nicht wegsackt. Zauber-Professor und Strickjacken-Freund Hong führt den Referenten kurz ein, dann geht es los. Die Vorlesung (in diesem Fall wörtlich zu verstehen) wird durch lange Filmausschnitte immer wieder unterbrochen. Da hätte ich mir den Film ja gestern Abend gar nicht mehr anzuschauen brauchen!
Für Filmfreunde hier die Kurzfassung des Referats: Der namenlose Held ist namenlos, weil er ohne Vater und Mutter aufgewachsen ist, und schleppt Vateraggressionen von ödipalem Ausmaß mit sich herum, die er auf den König projiziert, der seine Familie auslöschen ließ. Sein Narzissmus reicht am Ende nicht aus, um den grausamen König zu ermorden, aber er reicht aus, um einen heldenhaften Freitod zu wählen. Oder so.
Die Fragen im Anschluss fallen aus, weil alle Studenten schnell zum Essen oder ins Wohnheim müssen. Außerdem, so sagen sie mir, sei das ja eine sehr komplizierte Thematik. Schlusswort von Karl Kraus (Dramatiker und Zeitgenosse Freuds): „Psychoanalyse ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.“
Rita, Michael, Peter und die anderen...
Heute nach dem Gottesdienst, in dem eine sehr beschwingte Amerikanerin eine vortreffliche Predigt über joy in the Lord hielt, treffe ich Rita, eine in Hanoi geborene und in Saigon aufgewachsene Chinesin mit Muttersprache Kantonesisch und so gut wie keinen Kenntnissen in Mandarin-Chinesisch, die lange Zeit in Washington gelebt hat. Deutsch hat sie auch mal zwei Jahre lang gelernt, aber davon ist nach rund zwanzig Jahren fast nichts mehr übrig. Mit mir spricht sie die ganze Zeit Französisch. Davon ist erheblich mehr übrig, obwohl sie das auch seit zwölf Jahren nicht mehr praktiziert habe, sagt sie. Emily (siehe Eintrag vom 21.9.) kann zu meiner Überraschung der Unterhaltung folgen und schlägt spontan eine französische Sprachpraxis-Gruppe vor. Das Mädel ist polyglott! Anschließend treffe ich noch den Briten Michael, einen Geschäftsmann, der mir David vorstellt, einen überaus jovialen Chinesen, der mir Peter vorstellt. Das Ganze endet mit zwei Visitenkarten mehr in meiner bereits beträchtlichen Sammlung.
Zu Fuß gehe ich bei in der Sonne schon wieder gefühlten 30 Grad zurück und finde nun auch das Hotel, in dem der GoDi stattfindet, den ich am 14.9. verpasst habe. In einem Kaufhaus kaufe ich die DVDs von „Die Kinder von Huangshi“ (siehe Eintrag vom 7.9.) sowie den Film über die Luftbrücke, der just zur Zeit meiner Abreise auf Sat-1 lief. Den Film mit „Heino Forch“, so steht es hoch offiziell auf der Hülle, haben die hier ja schnell auf DVD im Regal! Schließlich kaufe ich noch „Hero“, weil (sin-o-meter berichtete) ein deutscher Psychoanalyse-Doktor aus Frankfurt am Dienstag über den Film meines chinesischen Lieblingsregisseurs referieren wird.
Das Imperium schlägt zurück
Südberg nennen die Studenten den Qixia-Berg, eine gut in einer halben Stunde zu bewältigende Erhebung vor den Toren von Nanjing, natürlich auch das wieder ein eintrittspflichtiger Park. Von oben sieht man herab auf den gewaltigen Jangtse, dessen endlose Zahl scheinbar unbeweglicher Frachtschiffe von hier aussieht wie eine Raumflotte aus Krieg der Sterne, die im All schwerelos dahingleitet. Ich trage heute mein chinesisches „Run for Jesus“-T-Shirt. Man muss ja mal 'ne Steilvorlage liefern. Unten an so einem typischen Räuchertempel erzählt dann auch eine Studentin, ihre Oma sei Christin gewesen. Den Rest des Tages verbringen wir auf die typische Weise mit Picknick und Spielchen wie „Blinde Kuh“, „Der Plumsack geht rum“ oder „Wer war der Mörder?“, für die man bekanntermaßen in China nie zu alt ist, wie ich und die anderen Deutschen immer wieder verblüfft feststellen dürfen. Ein Spiel, bei dem man mit dem Gesäß eine Acht malen soll, muss dagegen leider entfallen, weil ich bereits anlässlich der Einladung zu diesem kleinen Spontan-Wandertag der Studenten des zweiten Studienjahres im Unterricht deutlich gemacht habe, dass ich für Spiele, in denen der Lehrer zum Depp wird, nicht zur Verfügung stehe. Dafür also nun Hasch mich, ich bin der Mörder! Dazu teilt sich die Gruppe in Verbrecher, Polizei und Bürger. Ich ziehe eine Verbrecherkarte und werde gleich in der ersten Runde enttarnt. Offenbar liegt mir die Rolle nicht so. Eine bessere Figur habe ich am Morgen gemacht, als wir am Eingang zu dem Berg-Park auf den Rest der Gruppe und diejenigen warteten, die, weil sie verschlafen hatten, nicht mehr kommen sollten: Ich unterwies die Studenten, darunter drei Deutsche, die als Sprachpartner mit zum Ausflug geladen waren, in Mau-Mau, holsteinische Variante.
Am Abend dann mein schwerer Rückfall. Es muss wohl an dem Rührei auf Reisteig liegen, das ich nach dem Wandertag an einem Stand auf der Straße zum Abendessen erworben habe. Jedenfalls fühle ich mich schon wieder wie Hulk trifft Alien und dabei ziemlich hilflos und niedergeschlagen. Offenbar schlägt da irgendein Bakterien-Imperium mächtig zurück. Ich flehe zum Herrn der Herren mich von diesem sterblichen Leib zu erlösen, ohne freilich das Zeitliche segnen zu müssen, und irgendwann nachts überschreite ich, nachdem ich mir voller Verzweiflung bereits den legendären Mehrens-Fußsack als Wärmflaschen-Surrogat auf den Bauch gelegt habe, den Schmerz-Zenit in der Magengrube und bin am nächsten Morgen geheilt!
Rumpelstilzchens Falschgeldaktion
Heute wurde mit einer Reihe von Vorträgen im Beisein des Generalkonsuls von Schanghai, des Uni-Präsidenten der Universität Göttingen, des Wissenschaftsministers von Niedersachsen und einiger äquivalenter Würdenträger von chinesischer Seite die hiesige Außenstelle der Universität Göttingen, der Partner-Universität der Universität Nanjing, eingeweiht. Rechtzeitig zum wie üblich üppigen und extrem schmackhaften Büffet am Mittag ist mein Magen wieder in Form gekommen. Ich saß neben einem Professor für Nordamerika-Studien und unterhielt mich mit ihm über LeClézio, den aktuellen Nobelpreisträger für Literatur, und die Reaktion der amerikanischen Autoren. Ehrlich gesagt ertappe ich mich ja manchmal bei dem Gedanken: „Hoffentlich entdeckt keiner, dass ich zwischen all diesen elegant gekleideten und hoch gebildeten Herren und Damen nur eine gigantische Falschgeldaktion bin, ein falscher Fuffziger, der hier eigentlich gar nicht reingehört!“ So wie Rumpelstilzchen: „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich außer hundert Seiten von Philip Roth (und das auch nur, weil ich die Verfilmung verpasst habe) keinen einzigen dieser Autoren gelesen habe!“ Mancher Gebildete könnte das schließlich für einen menschlichen Makel von einigem Ausmaß halten und im Fegefeuer der Eitelkeiten dieses elitären akademischen Zirkels würde man dann plötzlich als unbedeutender Jedermann dastehen. Naja, das sind so schwache Momente... Im Grunde sind die Damen und Herren mit den hohen Ämtern und eleganten Kleidern sogar froh, wenn sie beim Essen jemanden neben sich sitzen haben, der kein kommunikationsgehemmter Fachidiot ist, sondern ein einigermaßen eloquenter Normalo. Im Übrigen ist das mit dem Fachwissen so ähnlich wie beim Fußball: Es kommt immer darauf an, dass man im richtigen Moment den entscheidenden Pass spielt. Von all den anderen Pässen wird gar nicht geredet. Also gibt es auch keine Wissens-Engpässe.
Erheblich verspätet war übrigens am Vormittag der Minister für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen eingetroffen, hatte allerdings eine Erklärung parat, die das unzeitige Erscheinen im Nu vergessen ließ: Schuld sei Chinas rasche Entwicklung. „Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum und den damit einhergehenden infrastrukturellen Veränderungen konnte unser Navigationssystem nicht Schritt halten“, so der Minister sinn- und sachgemäß. Auch der Zauber-Professor läuft mir gut gelaunt wieder über den Weg, wieder in schlichter Strickjacke. Mein Reden: Die wirklich wichtigen Leute pfeifen auf Etikette (ich trage übrigens Jeans). Er, Prof. Hong, lädt mich zu einem Vortrag ein zum Thema „Eine psychoanalytische Sicht des Films Hero von Zhang Yimou“ und bekennt zugleich, dass er den Film doof findet.
Die Studenten hatten unterrichtsfrei, um den überwiegend in deutscher Sprache gehaltenen Bei- und Vorträgen beiwohnen zu können: Fachsprache Deutsch. Das übt. Die Dekanin des Fachbereichs Fremdsprachen, eine Deutsch-Professorin, bald fünfzig, die mir mittwochs vom Bus aus immer fröhlich zuwinkt, damit ich den Platz neben ihr finde, referierte über den Begriff Interkulturalität, den freien Raum, der im Diskurs zwischen zwei Kulturen entstehe und in den man als Interkultureller sozusagen passen muss, sowie über den Aufbau des Doppel-Magisterstudiengangs, den Göttingen und Nanjing gemeinsam anbieten, um solche Pässe zu spielen. Die Leiterin der Abteilung Interkulturelle Germanistik am Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität Göttingen, Frau Prof. Dr. Casper-Hehne, führte das Referat fort mit Anmerkungen zu den Zielen des Studiengangs: Es gehe vor allem darum, ein verlässliches Messinstrument zu entwickeln, an dem abzulesen sei, ob die angewandte Methodik greife und zweckmäßig sei, mit der bisher, zu oft, so ihre Kritik, im Rekurs auf Stereotypien, interkulturell gelehrt und gearbeitet worden sei. Zweifel an gängigen Prämissen der herkömmlichen interkulturellen Didaktik und Methodik seien angebracht. Das alles interessiert den durchschnittlichen Leser des sin-o-meters natürlich nicht die Bohne, aber das hier ist nun mal mein Tagebuch und ich muss den Text dann im Dezember für meinen Jahresbericht an die mich entsendende Organisation nur noch kopieren. Ich bin sicher, ihr versteht das.
Herr Li darf wieder ins Bett
Ich habe kaum ein Auge zugetan und muss zum Glück heute erst um zehn unterrichten, die letzte Nachholstunde aus der Ferienwoche. Schlapp, als hätte ich fünf Tage gefastet (ich weiß, wie sich das anfühlt), schleiche ich über den Campus. Dummerweise hat mein Kollege, Herr Li, ganz vergessen, dass er damals, an dem Samstag, als ich in Schanghai war, meine Stunden übernommen hatte. Er hat schon Beamer und alles aufgestellt, da stellt sich einer neben ihn: ich. Herr Li darf wieder ins Bett. Den Studenten ist im Prinzip egal, was sie heute haben. Noch. Aber gleich gibt es lange Gesichter: Ich habe nämlich bei der Bewertung der am Computer ausgedruckten Probeseiten für die Abschlussarbeit pro Rechtschreibfehler zehn Prozent abgezogen, sodass man mit fünf Fehlern durchgefallen ist. „Ja“, erkläre ich, „bei so wenig Wörtern fällt natürlich jeder Fehler mächtig ins Gewicht. Und welcher Professor eines Deutsch-Fachbereichs", frage ich, „will überhaupt noch eine Arbeit lesen, bei der in der Überschrift (Schriftgröße 18) das Wort deutsch 'duetsch' geschrieben ist?“ So wird die Abschlussarbeit zur Abschussarbeit.
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