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Mittwoch, 10. November 2010

Kapitän und Künstler
Von DM, 23:59

Ein bisschen Andy-Morgan-Romantik weht durch den Hörsaal des Sprachlehrgebäudes unserer Uni, als Hervé Claeyssen unter dem Titel "Carnets de Voyages" von seinen Reisen als Handelsschiffskapitän berichtet: auf die Antillen, nach Afrika und schließlich auch an chinesische Gestade, die es ihm besonders angetan haben. Er präsentiert zur Illustration seiner 32 Jahre auf hoher See, die ihn von einem bürgerlichen Leben mit Frau und Familie abgehalten haben, selbst gemalte Bilder, Aquarelle und Skizzen. Alles in französischer Sprache. Denn die Veranstaltung hat mein Kollege Alain von der Französisch-Abteilung anberaumt, mit dem ich jetzt regelmäßig montags Tennis spiele. Und Käpf'n Claeyssen ist auch nicht zufällig hier, er ist nämlich Alains Onkel und stammt aus dem gleichen kleinen Küstenort in Nordwestfrankreich unweit von Dünkirchen. Neben mir in der letzten Reihe sitzt der Dekan der Französisch-Abteilung, der natürlich mitten in der Veranstaltung einen Anruf auf dem Mobiltelefon beantworten muss, so dass ich von dem Kommentar zum Dia-Vortrag nur noch die Hälfte verstehe. Aber wenn einer in China keine Rücksicht nehmen muss, dann sind es Chefs.

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Freitag, 05. November 2010

Welcome back, Mr. Zhou!
Von DM, 23:59


Cathy lacht sich halb tot, als sie mich nach der Party mit Mr. Zhou am Arm auf dem Weg zum Taxi sieht. Ich als Altenpfleger, das passt ja gar nicht, gibt sie mir zu verstehen. Ich muss zugeben, ganz wohl fühle ich mich in dieser Rolle tatsächlich nicht. Wie bin ich noch mal in diese merkwürdige Lage hineingeraten? Michael, das einundsiebzigjährige, zweimal (bald dreimal) geschiedene englische Party-Wunder, hat wieder mal zu einer seiner legendären Partys eingeladen. Meine Zusage hat er mit der telefonisch vorgetragenen Bitte verknüpft, doch bitte den 83-jährigen Mr. Zhou mitzubringen – per Taxi. Dabei mag ich Taxis gar nicht.
Ich drücke also vor dem Campus dem Taxifahrer den Zettel mit den beiden Telefonnummern von Mr. Zhou in die Hand und er soll das mal regleln. Zwanzig Minuten später deutet er auf die Gestalt eines älteren Mannes am Straßenrand. Ich erkenne Mr. Zhou nach über einem Jahr kaum wieder. Und erst jetzt, da ich ihn begrüße und er mich bittet, langsam zu machen, wird mir klar, dass Mr. Zhou seit einem Schlaganfall vor ein paar Jahren halbseitig gelähmt ist. Aber klar im Kopf! Gemeinsam trudeln wir mit einstündiger Verspätung am Blue Gulf ein. Außer Cathy alias Jiakun ist auch die kleine Li alias Jianqing mit ihrer besten Freundin zugegen, die ich eingeladen hatte. Außerdem lerne ich an diesem Abend noch einen merkwürdigen Medizinstudenten mit dem Künstlernamen Murruy Novak kennen (1. Foto links), der gern Tennis spielt, aber aus Schwäche keinen einzigen Stopball erläuft, wie ich erst später zu meinem Leidwesen herausfinden werde, und "Floria" alias Liu Meng (2. Foto rechts). Die in schicke Klamotten gehüllte Design-Studentin an der Nanjinger Universität für Holzwirtschaft bietet mir auch gleich spontan ihre Freundschaft an. "I want to make friends with you!"

Natürlich liefere ich Mr. Zhou, übrigens bekennender Atheist, auch ordnungsgemäß wieder zu Hause ab und versuche ihm unterwegs unter Verwendung eines ihm von mir überreichten Johannes-Evangeliums in chinesischer Sprache klar zu machen, dass er sich die Sache mit Gott noch mal überlegen solle, alt genug sei er ja. "God gives you a chance to think it over!", doziere ich. Von Mr. Zhous Wohnung aus gehe ich dann zu Fuß am Fluß Qinhuai entlang nach Hause.

Die kleine Li wird mir später von mehrdeutigen Einladungen (und dem von ihr erkannten Bösen im Auge) anderer Gäste berichten und Novak wird sich später, nach zwei Verabredungen zum Tennis auf dem Uni-Campus Xianlin, als offenbar bisexuelle Nervensäge entpuppen, die sich gelegentlich in anrüchigen Schanghaier Clubs um stimmungssteigernde Begegnungen bemüht und flüchtige Bekannte mit indiskreten Fragen nervt. Weitere Details muss ich hier leider aussparen. Michaels Partys sind auch nicht mehr das, was sie mal waren...

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Mittwoch, 27. Oktober 2010

"Was ist denn mit Ihrem Auge?"
Von DM, 23:59

Nach dem Unterricht treffe ich vor dem Lehrgebäude Yinyin und Yifu. Sie haben leichtes Reisegepäck dabei, sie reisen jetzt gleich nämlich ins schöne Hangzhou, wo dieses Jahr der alljährliche Redewettbewerb für chinesische Deutsch-Studenten stattfindet. Leider gewinnen immer Pekinger oder Schanghaier Unis  und ich darf vorwegnehmen: Trotz Achtungserfolg und Sonderpreis für Yinyins Aussprache wird sich daran auch dieses Jahr nichts ändern.
"Was ist denn mit Ihrem Auge?", fragt einer der beiden. Das Weiße im linken Auge ist nämlich heute mal rot. Das erklärt sich wie folgt: Gestern habe ich mitten auf dem Zebrastreifen der Hauptstraße einen Autofahrer fast aus dem Auto gezerrt, jedenfalls die ganze Straße zusammengeschrien (guckten schon alle), weil die Chinesen ja immer über Zebrastreifen rüberbrettern wie nix. Er hat erst mal reichlich rumgehupt und dann reichlich spät, quasi an meiner Kniescheibe, gebremst, woraufhin ich mich demonstrativ vor sein Auto gestellt habe und versuchsweise auf seine Motorhaube gestiegen bin. Dann bin ich zur Fahrertür - ein dicker Neureicher mit Familie an Bord. Habe ich die Tür geöffnet oder er? Ich weiß es nicht mehr so genau! Aber mir geht dieses Verhalten schon lange auf den Wecker: In China haben ja Autofahrer immer Recht. Hast du Knete, hast du Auto, hast du Auto, bist du King Ralph! Wofür denn dieses Zeichen da sei, was das denn für einen Sinn habe, erkundigte ich mich auf einem Lautstärkepegel weit im roten Übersteuerungsbereich (wie in China üblich) und deutete dabei mit den Fingern einer Hand wechselweise auf die Streifen auf dem Asphalt und auf die Augen in meinem Gesicht. Am Anfang wollte der Fahrer noch was sagen, ich habe ihn aber nicht zu Wort kommen lassen. Nachher war er völlig verstört. Tat mir schon fast wieder leid. Leider habe ich mir bei der Aufregung mit dem Finger selber ins Auge gestochen. Den Studenten erzähle ich mal lieber die harmlosere Variante.
Weiß nicht, mein Nevenkostüm war auch schon mal besser.

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Samstag, 23. Oktober 2010

Vom Grill auf die Bowlingbahn
Von DM, 23:59

Ein gewisser Jeri, "Erziehungsberater", hat meinen Tennispartner Peter auf eine Grillparty eingeladen. Peter hat die Einladung an mich weitergeleitet, aber am frühen Nachmittag beginnt es zu regnen. Peter meldet sich per Telefon, er sagt, er habe in dem Park, wo der Grill angeschmissen werden sollte, niemanden angetroffen und wisse auch nicht, wo die alle hin sind. Er schlägt vor, gemeinsam mit einem Freund eine Bowlingbahn südlich vom Wutaishan-Stadion, wo ich immer joggen gehe, anzusteuern. Ich zögere, denn nachdem ich bei meinem letzten Auftritt auf einer Bowlingbahn anno 2005 in Yanji dank einer erstaunlichen Glücksträhne Studenten und Kollegen in Grund und Boden gebowlt hatte, nahm ich mir vor, auf diesem Höhepunkt meine Bowlingkarriere endgültig zu beenden; es konnte hernach ja einfach nur noch bergab gehen. Und so kommt es auch: Ich treffe die beiden Jungs unterm Regenschirm am Nordeingang zum Stadion und folge ihnen zur Bowlingbahn, wo ich sogleich Pudel auf Pudel werfe und in drei Runden dreimal auf dem letzten Platz lande. Peters Aufmunterungsversuche machen mich eher noch schlechter. Im ekligen Nieselregen verabschieden wir uns, nachdem die letzten Mandarinen vertilgt sind, bei anbrechender Dunkelheit an der Treppe zum Stadiongelände. Man muss es positiv sehen: Auch Boris hat ja bei seinem letzten Wimbledonauftritt nur drei Runden überlebt und ließ somit zu, dass ein Schatten auf frühere Glanztaten fiel. War doch mal eine nette Abwechslung. Dabei sein ist alles. Man kann nicht immer gewinnen. Dritter Platz ist doch auch ein Erfolg.
Ob ich wohl je erfahren werde, wer dieser Jeri ist?

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Mittwoch, 20. Oktober 2010

Und leise sät er seine Zweifel...
Von DM, 23:59

Ich habe mir viel Zeit gelassen, um auf die E-Mail zu reagieren, in der man mir eröffnet hat, dass ich nächstes Jahr meine Koffer packen muss (siehe Eintrag vom 11. Oktober). Mein Hauskreis ist in die Sache eingeweiht und ich habe den Eindruck von oben, dass die Würfel noch nicht gefallen sind. Deswegen mache ich in der E-Mail an die Chefin jetzt einfach mal so ein paar vage Andeutungen, dass kein guter Kandidat in Aussicht ist, obwohl ich das natürlich nur vermuten kann. Der Wortlaut im Folgenden:

[...] Das gibt mir, nach der ereignisreichen, aber auch erfolgreichen letzten Woche mit dem Autor Thome und der Vorbereitung darauf, wie gestern Vormittag versprochen, Gelegenheit mich zu der für mich gar nicht so erfreulichen Ausschreibung meiner Stelle und dem (mir gar nicht bekannten) 3-Jahres-Rhythmus zu äußern. [...] Wie du weißt, geht man als Lektor mit der Zusage (seitens des Austauschdienstes) für einen Förderungshöchstzeitraum von 5 Jahren ins Ausland und bei erfreulicher Zusammenarbeit kann der Lektor normalerweise davon ausgehen, fünf Jahre bleiben zu dürfen. Also habe ich mich innerlich auch immer auf 5 Jahre eingerichtet und bin, wie du weißt, durchaus überrascht gewesen von der Neuausschreibung. Ich wusste ja von eurem 3-Jahres-Rhythmus, wie gesagt, nichts.
Nach Rücksprache mit dem Austauschdienst habe ich mich nun entschieden, pro forma trotzdem einen Verlängerungsantrag zu stellen (Anträge kann man ja immer stellen). Das geht dann so erst mal in Bonn ein. Ihr wisst dann auch formell, dass ich bleiben will. Eure Zustimmung könnt ihr dann aber natürlich davon abhängig machen, wie die Bewerbersituation ist. Zwar hat die Nanda bisher immer einen geeigneten Kandidaten gefunden, aber man kann auch mal Pech haben und in Anbetracht des etwas veränderten Stellenprofils ist es zwar nicht wahrscheinlich, aber immerhin möglich, dass neue Bewerber euren Erwartungen nicht ganz so entsprechen, wie ihr euch das wünscht. So habt ihr bis ca. April 2011 Zeit, euch endgültig festzulegen, und seid in jedem Fall auf der sicheren Seite. [...]

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Sonntag, 17. Oktober 2010

Grenzgänge zwischen Ost und West 5
Von DM, 23:59

Heute haben sich ein paar Studentinnen (die Großenaspe-Veteraninnen Yangliu und Yixuan sowie Du Li und Yijie) den beliebten Schriftsteller noch mal unter den Nagel gerissen. Sie haben sich aufgemacht zur Einkaufsmeile am Konfuziustempel, einem notorischen Touristenmagneten. Ich stoße gegen fünf dazu (getreu meiner gestrigen Behauptung habe ich den Nachmittag lesend im Park zugebracht) und nach den üblichen Fotoposen will ich sie noch in den Bailuzhou-Park entführen, der ganz in der Nähe sei, versichere ich, kann den Weg dann aber nicht finden und lasse mich überzeugen, dass es sinnvoller wäre, die Runde in ein Restaurant mit Blick auf den Fluss einzuladen. Der Laden ist sündhaft teuer. Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts.

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Samstag, 16. Oktober 2010

Grenzgänge zwischen Ost und West 4
Von DM, 23:59

Ich habe Studentin Youjin animiert, ihre B.A.-Arbeit über Thomes Buch zu schreiben. Sie trifft sich vormittags mit ihm zum Interview. Ich sehe den Künstler erst abends wieder. Gegen halb elf spazieren wir zur Nanjinger Universität, dem Lieblingstreffpunkt von Huang Fan. Was für eine entspannende Sache sich der kreative Kollege Huang Fan da wohl ausgedacht hat, fragt sich nicht nur Stephan Thome, frage auch ich mich, versichere aber im selben Atemzug, das werde schon mit rechten Dingen zugehen. Schließlich sei Huang Fan ein verheirateter Mann mit Frau und zwei Kindern. Was ist es, wo wir uns schließlich wiederfinden? Eine Kammer mit drei Liegen, Handtüchern und Weißzeug, in das wir uns hüllen müssen. Uns steht bevor: eine traditionelle chinesische Fußmassage, bezahlt von Huang Fan. Ein Herr und zwei Damen aus Sichuan, mit denen sich Stephan und Huang Fan der Lage der Dinge gemäß besser unterhalten können als ich, massieren, trätieren und pediküren uns also stundenlang. Am Ende bekommen wir noch einen Packen aufs Knie gepackt, der immer heißer und heißer wird. Wer der Masseuse zuerst sagt: "Nimm's weg!" verliert. Ich gewinne. Schließlich hatte ich als Kind schlechte Zähne; da wird man hart im Nehmen. Zwischendurch hat Huang Fan seine Frau am Mobiltelefon, die ich ja beim gemeinsamen Abendessen im letzten Semester kennen gelernt habe (sin-o-meter berichtete). Komisch, dass ich daraufhin kurz mit ihr sprechen muss. Wir haben uns ja nur einmal zum gemeinsamen familiären Abendessen getroffen. Fühlt sich fast so an, als müsste ich Huang Fans Alibi bestätigen. Und in der Tat. Als wir hernach noch kurz in einem Teehaus modernerer Machart einkehren und die beiden großen Jungs ihre Biere zischen, kommt's auch gleich raus: Huang Fan sagt zu Stephan, er sehe aus, als habe er mit Frauen viele Fehler gemacht. Er könne das aus seiner Lesung ableiten. Stephan mag's nicht bestreiten. Huang Fan bekennt dann auch noch gleich die eigene Schwäche. Er habe auch viele Fehler gemacht, er sei schwach. So genau wollten wir's nun auch wieder nicht wissen. Und wie hielte ich's mit diesem sensiblen Thema. Ich halte mich schön bedeckt. Man könne doch seine Zeit auch gut mit Büchern verbringen, erkläre ich, da gebe es keine Probleme. Kurzum, es wird Zeit aufzubrechen. Diesmal besteht Stephan darauf, die Zeche zu zahlen. Als wir wieder an der Uni sind, braucht er aber noch etwas Dosenbier fürs Hotelzimmer und besorgt sich selbiges in dem Laden um die Ecke. Künstler eben.

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Freitag, 15. Oktober 2010

Grenzgänge zwischen Ost und West 3
Von DM, 23:59

Nach einer weiteren Lesung in Xianlin, dem Außencampus, erwartet uns am Nachmittag das von mir und meiner Kollegin Sommerfeld vom Goethe-Sprachlernzentrum gemeinsam ausgeknobelte "Doppelfeature" mit Lesungen von Stephan Thome und Susanne Hornfeck in der Tiefgaragen-Buchhandlung AVANT-GARDE. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht: Da auch die Autorin des Tatsachenromans "Ina aus China" nur am heutigen Freitagnachmittag ihre Lesung veranstalten kann, haben wir uns, anstatt einander Konkurrenz zu machen, zu einer Doppellesung zusammengetan: Grenzgänge zwischen Ost und West - das passt ja auch hier. Denn "Ina aus China" handelt von einem kleinen Mädchen, das in der Zeit der japanischen Besatzung aus Schanghai floh und nach Deutschland kam. Der Erfolg gibt uns Recht: Zu Spitzenzeiten scharen sich knapp neunzig Gäste um das kleine Areal mit den Sitzpolstern. Susanne Hornfeck wird etwas neidisch, als ich per Laptop Internet-Fotos vom Biedenkopfer Grenzgang anno 2005 auf den Bildschirm zaubere. Sie hätte da auch noch ein paar Bilder. Hilfsbereit wie immer stelle ich ihr meinen Computer zur Verfügung, muss aber einschränkend mehrfach wiederholen, dass ich nicht wisse, wie man den automatischen Bildwechsel einstelle; das könne doch Praktikantin "Eva" (genau die: meine Studentin, die jetzt im Goethe-Zentrum ein Praktikum macht), per manueller Bedienung übernehmen, schlage ich vor, aber die hibbelige Künstlerin stellt sich taub und lässt nicht locker, bis sich einer erbarmt und die Einstellung für sie findet. Da sieht man also nun ihre schicken Zeichnungen zum Text über den Bildschirm hüpfen.
Alle sind sie gekommen: Tennispartner Peter steht hinter den Sitzreihen, "Cathy" alias Jiakun trifft direkt von der Arbeit verspätet ein und nimmt neben einer Freundin Platz, Dichter Huang Fan ist mit seiner Schweizer Bekannten unter den Anwesenden; auch die zwanzigjährige Xiao Li hat sich mit ihrer Freundin auf den weiten Weg von Xianlin hierher gemacht. Dazu einige meiner Studenten. Einer von ihnen, "Jenny", besser bekannt als Jia Ni, kommt eine besondere Rolle zu: Die letztes Jahr beim Provinzglück-Lesewettbewerb Ausgezeichnete liest aus der Rohfassung der chinesischen Übersetzung von Thomes Buch, das in wenigen Wochen in Taiwan erscheinen soll.

Am Ende, gegen 18 Uhr, sind alle wieder entspannt. Wir lassen den Abend feudal mit Peking-Ente in einem Restaurant an der Schanghai Lu ausklingen. Goethe bezahlt. Auch der Nanjinger Dichter Huang Fan mit einer Schweizer Bekannten ist, von mir eingeladen, dabei. Ich übersetze immer mal wieder für ihn oder, noch besser, lasse Frau Sommerfeld übersetzen. Er lädt nun seinerseits mich und Stephan Thome für den nächsten Tag zu einem Wohlfühlabend ein. Thome will noch irgendwo einen heben, aber ich muss ins Bett. Die Schweizerin will es sich noch überlegen, taucht dann aber auch nicht mehr auf.

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Donnerstag, 14. Oktober 2010

Grenzgänge zwischen Ost und West 2
Von DM, 23:59

Heute nun eine Lesung aus Thomes Erstling "Grenzgang" am Vormittag und am Nachmittag ein Vortrag zum Problem der Übersetzung Kant'scher Begrifflichkeiten ins Chinesische: "Der Philosoph Kangde: Kants chinesischer Doppelgänger. Zum Problem der Hybridität moderner Philosophie in China". Thomes These: Eigentlich gebe es ja zwei Kant-Philosophien: die des deutschen Originals und die der Übersetzung ins Chinesische. Der Saal ist gut gefüllt. Leider haben wir beide nicht gemerkt, dass ich statt der PDF-Datei eine Word-Datei auf dem Computer geöffnet habe, sodass alle chinesischen Begriffe als kleine leere Kästchen auf der Leinwand erscheinen.

Zwischen den beiden Vorträgen essen wir im Xin Zazhi zu Mittag und Thome plaudert etwas aus dem Nähkästchen: Herta Müller sei ein Unikum, ihre Sprache so faszinierend wie sie selbst in ihrer singulären Art. Dass Bernhard Schlink mit seiner langweiligen Prosa nun das Aushängeschhild der deutschen Literatur sei, kann Thome dagegen überhaupt nicht nachvollziehen.
Abends schließlich kann ich dann die unbürokratisch bewilligten Fördergelder mal so richtig sinnvoll einsetzen: Ich lade den Autor zusammen mit deutschen und chinesischen Studenten zu Bier und Pizza ein. Und der deutsche Staat bezahlt. Ein Prosit auf die Völkerverständigung!

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Mittwoch, 13. Oktober 2010

Grenzgänge zwischen Ost und West 1
Von DM, 23:59

Nun also ist er da, der Autor und Grenzgänger aus Biedenkopf und Taipeh, der 2009 mit seinem ersten publizierten Roman Seite an Seite mit Nobelpreisträgerin Herta Müller für den Deutschen Buchpreis nominierte Sinologe, Philosoph und Romancier Stephan Thome, jetzt aus Deutschland kommend bei uns zwischengelandet. Die Idee, den Autor zu uns an die Universität einzuladen, war mir im Frühjahr während der Lektüre seines Erstlings Grenzgang, gekommen. Die nötigen Fördergelder für die Veranstaltung "Grenzgänge zwischen Ost und West" wurden mir nach der Projekteinreichung in Bonn sofort bewilligt.
Ebenso spontan hat sich Studentin "Doris" alias Du Li, nachdem sie zuvor ein Foto von Stephan Thome gesehen hatte, freiwillig gemeldet, ihn vom Flughafen abzuholen, weil ich zur Ankunftszeit des Fliegers aus Hongkong auf dem Rückweg vom Außencampus Xianlin bin. Wir kommen fast zeitgleich an der Uni an. Du Li findet seinen Drei-Tage-Bart zwar nicht ganz so cool wie ich, aber der wird morgen auch nicht mehr da sein. Außerdem macht der Gast alles wieder wett durch sein hervorragendes Chinesisch. So jedenfalls wird es mir zugetragen. Du Li hat sich auch längst im Internet schlau gemacht und weiß: Thome heißt mit richtigem Namen gar nicht Thome, sondern Schmidt. Der Suhrkamp-Verlag fand den Namen einfach nicht originell genug. Die Deutsch-Abteilung, also meine Kollegen (sofern anwesend und nicht auf Dienstreise in Deutschland), hat uns zusammen mit einem weiteren Gast, dem ehemaligen "DDR"-Bürger und ehemaligen Nanjinger Lektor Bernd Wittek, einem meiner Vorgänger also, zum Abendessen ins nahe Nanyuan-Restaurant eingeladen, auf dem Campus quer gegenüber von meiner Wohnung gelegen. Ich bin danach also schnell zu Hause.
Der Gast aus Taiwan verbringt unterdessen den Rest des Abends damit, sich im Uni-Viertel umzusehen und noch ein paar Bier zu trinken. Er war nämlich vor rund zehn Jahren selbst Student an der Nanda und schwelgt in Erinnerungen. Manches findet sich noch, das meiste ist nicht wiederzuerkennen.

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Dienstag, 12. Oktober 2010

Der Amokläufer
Von DM, 23:59

... lautet eine Novelle von Stefan Zweig. In einer Art Neuinszenierung davon spiele ich mal wieder die Hauptrolle. Und das geht so: Seit Jahr und Tag nervt draußen in meiner Nachbarschaft eine Baustelle. Heute aber ist das Maß voll: Dass ich Amok laufen kann, wenn ich nachts nicht zur Ruhe komme, ist – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – väterliches Erbgut.
Gegen ein Uhr morgens stehe ich senkrecht im Bett. Was tuten denn diese elenden LKW die ganze Nacht da unten rum!? Das kann doch nicht wahr sein! Ich springe aus der Koje, ziehe mich an, flitze wutentbrannt durchs Treppenhaus, danach über den Bürgersteig der nächtlichen Guangzhou Lu. In der Auffahrt zur Baustelle ein Mischer, also ein Lastwagen mit Betonmischung als Ladung, dahinter noch einer. An dessen Führerhaus steht ein einfacher Arbeiter in blauer Arbeitsjacke. Ich tippe ihm von hinten auf die Schulter mit einer Heftigkeit, als wollte ich eine Schlägerei anfangen. Er fährt völlig entgeistert herum, blickt mich an, als sei ich Gevatter Tod persönlich, und zeigt mir ungenau eine Richtung mit dem Finger, nachdem ich ihn angebrüllt habe: "Zu laut! Wie schlafen? Wo Chef? Wo Chef?" Ich gehe weiter, aber kein Chef, nirgends. Neben mir steht noch ein LKW. Mit laufendem Motor. Vielleicht kommt von hier das elende Getute, denke ich. Ich öffne die Fahrertür, steige ein. Der Arbeiter am anderen LKW ignoriert mich, wie man den Sensenmann eben ignoriert. Ich drehe den Zündschlüssel herum, ziehe ihn raus. Wird es leiser? Schwer zu sagen in dem Gesamtlärm der Baustelle. Aber das Tuten ist vorbei. Niemand scheint mich gesehen zu haben oder gesehen haben zu wollen.
Entschlossenen Schrittes verlasse ich den Tatort, den Schlüssel in der Hand. Der wandert in meinen Nachtschrank. Aber – du ahnst es nicht – sie haben offenbar einen Reserveschlüssel gehabt. Schon nach zehn Minuten macht es wieder Tut-tuut-tuuuut! Und morgen um kurz nach sechs aufstehen!
Ich lasse auch im Laufe dieses elendiglich begonnenen Tages nicht locker. Ich klopfe bei meinen Nachbarn gegenüber, einem amerikanischen Ehepaar (Mormonen) und erkundige mich, ob sie gut geschlafen haben - selbstverständlich nicht; ich schreibe E-Mails an Mitbewohner, beschwere mich unten an der Rezeption und beim Ausländeramt, ich ermutige alle, die ich aus unserem Ausländerwohnheim gesprochen habe, es mir gleich zu tun. Eine Protestlawine rollt an, weil ich schlecht geschlafen habe.
Heute Nacht nun ist erst mal Ruhe im Karton.

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Montag, 11. Oktober 2010

Bitte um Verständnis
Von DM, 23:59

So lautet die Betreffzeile einer E-Mail, die seit gestern in meinem Computer lagert und in der meine Chefin (z.Z. zu wichtigen Gesprächen in Deutschland)  versucht zu erklären, wie es dazu kam, dass man meiner Dienste nicht mehr zu bedürfen vermeint. Ein Zeitdokument, das das sin-o-meter hier exklusiv, unkommentiert und ohne Angleichung an die standardsprachliche Orthografie veröffentlicht:

Es tut mir leid, dass du statt von uns auf der Homepage des Austauschdienstes erfahren hast, dass die deutschabteilung von der nanda eine lektoren-stelle ausschreibt. ich hatte also vor, dir die entscheidung der abteilung nach meiner rueckkehr aus deutschland mitzuteilen, moeglichst persoenlich. hiermit bitte ich um verstaendnis!

ich soll anfang des semesters dem austauschdienst mitteilen, ob eine ausschreibung fuer nanda noetig sein soll. das habe ich von goettingen aus gemacht. die entscheidung traf aber die abteilung schon frueher, also vor meiner deutschlandsreise. an den austauschdienst habe ich geschrieben,  du arbeitest ziemlich gut und gewissenhaft und gibst dir sehr viel muehe; doch sind wir der meinung, dass drei-jahre-frist erfahrungsmaessig gut fuer unsere studierenden ist, so wurden/ werden bei uns gewoehnlich alle drei jahre lektoren gewechselt.

wir haben uns seit ueber zwei jahren sehr gut verstanden und erfolgreich miteinader zusammengearbeitet. ich hoffe, dass es so  weiter bleibt und du weiter angenehme zeit bei uns in nanjing verbringst.

herzliche gruesse aus goettingen

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Sonntag, 10. Oktober 2010

Heinz und Jörg
Von DM, 23:59

Und ich sag' noch, das ist nicht Jörg! Letzte Woche nach dem GoDi habe ich es ihr gesagt und heute, kurz bevor das Drama seinen Lauf nahm, noch mal: Nee, das ist ja nicht Jörg. Jörg ist sein Freund. Aber es ist im Foyer vor dem Gottesdienstraum im fünften Stock des Ramada-Hotels immer so voll mit Leuten und so laut, dass eine siebzigjährige Dame wie Ingrid aus Lübeck das schon mal nicht so ganz richtig mitkriegen kann.
Gehen wir noch mal eine Woche zurück: Da spricht mich ein Deutscher, den ich vor den Sommerferien bei einem Essen mit Michael und Linda (sin-o-meter berichtete am 3. Juli) kennen gelernt hatte, nach dem GoDi an und fragt mich: "Hast du schon das von Jörg gehört?" Ich: "Nee." Ich kenne übrigens auch gar keinen Jörg. "Der hat seine Frau verlassen!" Also Jörg ist wohl ein Kollege von Heinz, wir nennen ihn jetzt einfach mal Heinz, und Jörgs Familie ist wohl in Deutschland. Heinz' Familie auch, er reist in zwei Wochen auch ab, wenn die Arbeit in seiner Firma getan ist. Und er, also Jörg, hat jetzt eine chinesische Freundin, für die er seine Frau verlassen hat. Und Kinder. Also, die Kinder hat er auch verlassen. Dafür, meint Heinz, solle ich mal beten. Heinz hat das Schicksal von Jörg sichtlich mitgenommen. Er selbst muss dann aber mal schnell los. In dem Moment tritt Ingrid aus Lübeck auf den Plan. Sie hat nur die Hälfte mitgekriegt, was von Trennung und Beten, und schon fordert sie mich auf, für den Mann zu beten, den sie natürlich erst recht nicht kennt. Wir beten also spontan für die Familie von Jörg, aber Ingrid denkt die ganze Zeit, wir beten für die Familie von Heinz! Und meine anderslautenden Erklärungen sind irgendwie an Ingrid aus Lübeck abgeprallt wie Regen von einem gewachsten Auto.
Ingrid hat übrigens eine bewegte Familiengeschichte: Sie verließ Deutschland einst und zog nach England, wo auch noch eine erwachsene Tochter von ihr lebt, die unter Anorexie leidet. Sie selbst ist heute als Englischlehrerin in Nanjing tätig und reist nur in den Ferien nach England.
So weit, so gut. Aber heute nach dem GoDi taucht Heinz wieder auf. Und ich frage, immer höflich und besorgt, nach Jörg. Ja, das sei immer noch ungeklärt. Plötzlich steht Ingrid wieder neben uns und will gleich wieder für die Familie beten.  Ich sag' noch mal ausdrücklich, dass wir ja jetzt für den Freund von Heinz beten wollen und nicht für Heinz, aber ich sage natürlich nicht Heinz, denn Heinz ist ja nur ein erfundener Name hier fürs sin-o-meter, ich weiß Heinz' wirklichen Namen gar nicht. Ich sage, wir beten für Jörg und bete dann auch für Jörg. Ich merke aber, dass Ingrid immer noch denkt, dass Heinz Jörg ist, also der Mann, der seine Frau verlassen hat. Ich hoffe insgeheim, dass das Missverständnis in dem Lärm hier im Foyer untergeht, aber als dann Ingrid nach dem Beten zu Heinz sagt: "Wir hoffen, dass Gott dich wieder zurückbringt auf den rechten Weg!", da raufe ich mir in Gedanken die Haare. Heinz schaut leicht irritiert und sagt etwa zeitgleich mit mir, dass er das ja nicht sei. Es gehe hier doch um Jörg. Ich versuche die Situation zu retten, indem ich erkläre: "Gott weiß schon, wer gemeint ist" Heinz versucht die Situation zu retten, indem er erklärt: "Ja, ist schon in Ordnung. Ich bin ja auch nicht frei von Versuchung." "Ja", stimme ich pauschal zu, "sind wir ja alle nicht!" Und Ingrid: "Ach so! Das tut mir leid, ich dachte..."
Geh sonntags in den Gottesdienst. Da erlebst du was!

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Freitag, 08. Oktober 2010

Kafka in Nanjing
Von DM, 23:59

Die elektronische Post, die ich heute an meinen Pekinger Vorgesetzten Hase-B. schicke und die obige Betreffzeile hat, spricht im Grunde für sich. Hier und exklusiv im sin-o-meter die leicht gekürzte Wiedergabe:

[...] Ich befinde mich hier in Nanjing seit etwa zwei Wochen in einer Situation von kafkaesken Ausmaßen. Während ich mit den Vorbereitungen für die Veranstaltung mit Stephan Thome und für das Lektorentreffen in Nanjing mitten in lektoratstypischen Aufgaben stecke, die mich in der trügerischen Sicherheit wiegten, respektable Arbeit zu verrichten und dies noch ein paar Jahre tun zu dürfen, lese ich auf Hinweis [vom Akademischen Austauschdienst in Bonn auf] die neuen Lektoratsstellen, dass ich gewissermaßen in Nanjing auf der Abschussliste stehe. Nun das Kafkaeske: Niemand hat mich darüber in Kenntnis gesetzt, weder in Nanjing, wo ich mich mit den Kollegen bestens verstehe, noch in Beijing und auch in Bonn herrscht betretenes Schweigen. [Die eine] hat sich schnell in den Urlaub abgemeldet und von [denen, die zu erreichen sind,] ist zu hören, von dir sei sicher was zu hören, sie könnten dazu nichts sagen; von dir ist aber auch nichts zu hören. Kafkaesk eben.
Ich bin aber guter Hoffnung, dass ich mich am Ende nicht wie K. auf einen Hinrichtungsbock begeben muss, sondern vorher aus dieser beklemmenden Lage befreit werde [...].

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Donnerstag, 07. Oktober 2010

Die Party ist aus!
Von DM, 23:59

Mit einem weiteren üppigen Mahl in meinem Hotel endet die dreitägige Party in Yixing. Die Familie hat, das gibt es wohl nur in China, ein paar gekochte Sachen von zu Hause mitgebracht. Das Hotel ergänzt ein paar Gemüseplatten. In dem Topf vor mir ist wohl auch die Ente drin, die sich vorgestern verstört im Käscher des Onkels wiederfand...
Gemeinsam fahren wir zum Busbahnhof. Auch Yixuans Papa reist mit. Er liefert seine Tochter brav an der Uni ab und fährt dann weiter zur Arbeit in einer anderen Stadt. Er ist die Woche über meist nicht zu Hause. Auch für ihn endet also die Urlaubszeit. Am Busbahnhof gibt es dann noch eine kurze Verstimmung zwischen Yixuans Eltern. Der Papa habe sich falsch informiert, weswegen wir länger warten müssten, erklärt mir Yixuan. Ist aber nur ein Sturm im Wasserglas. Am Ende sind wir sicher an Bord und die Wartezeit war auch halb so wild. Es ist aber so voll in der Halle jetzt zum Ende der Ferien, dass selbst Stehplätze knapp sind...
In Nanjing angekommen (es dämmert schon) lässt sich der Papa nicht überreden, sich den Preis für die Fahrkarte von mir erstatten zu lassen. Schließlich helfe ich noch ein bisschen beim Koffertragen und zeige den beiden einen Schleichweg auf den Campus. Den kannte Yixuan noch nicht. Sie wohnt ja im Gegensatz zu mir auch erst ein paar Wochen hier im Zentrum. Vorher war der Außencampus im fernen Xianlin ihr Zuhause.
Ich darf vorwegnehmen, dass Yixuan in die Magisteraufnahmeprüfung am Sonnabend so gut vorbereitet geht, dass meine Kollegen ganz von allein darauf kommen, ihr die beste Note zuzuerkennen. Ich habe mich da lieber etwas zurückgehalten, man fühlt sich ja nach drei Tagen Urlaub in der Familie schon etwas befangen.

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Mittwoch, 06. Oktober 2010

Jetzt gehn wir nicht auf'n Berg...
Von DM, 23:59

Yixuan muss heute für die Magisterzulassungsprüfung lernen; deshalb fahre ich mit ihrem Papa, seinem Auto fahrenden Kumpel und dessen vierjährigem Sohn nicht auf, sondern an einen Berg hier in der Nähe. Er gehört zum Zhuzi-Gongyuan (Bambus-Park). Unter Bambusbäumen hindurch und einen kleinen See entlang wandern wir also hier und da ein bisschen in der Gegend herum und bewundern die Bambusbäume, die für diese Gegend so typisch sind, und ich denke: Wann beginnt denn hier nun endlich der Aufstieg? Bis ich dann irgendwann merke, dass das hier heute nichts mehr wird. Die drei Jungs haben gar keine Lust, sich groß anzustrengen. Das teilen sie mir natürlich nicht so direkt mit, aber durch die Verzögerungstaktik merke ich dann schließlich doch, wo's lang geht. Höhepunkt wird schließlich ein angeblich tausend Jahre alter Baum, den man mal anfassen soll, um selbst, ratet mal, wie alt zu werden! Das jedenfalls rät einem die alte Tante, die daneben steht. Der Baum steht natürlich direkt vor einem kleinen Buddha-Tempel. Und natürlich kann und soll man hier mal ein paar Räucherstäbchen dazu kaufen, um dem Glück Beine zu machen. Welcher Chinese kann dazu schon nein sagen? So darf Junior, der zwischendurch schon mal eingeschlafen war, auf Papas Arm mal den Baum anfassen und die Großen tun's ihm gleich. Nur ich bin mal wieder voll der christliche Spielverderber: "Ich glaube an Jesus! Da braucht man so was nicht!" Die Tante mit den guten Tipps sieht's auch sofort ein. Der zweite Höhepunkt wird dann ein Spielzeughund, den Junior in einer Quengelfalle ergattert hat und den wir auf dem Parkplatz auf dem Weg zum Wagen bewundern. Ist beweglicher, aber frisst weniger weniger als ein echter.
Wir machen Zwischenstation zum Mittagessen in einem Landgasthof, ehe wir weiterfahren zum Westufer des größten Süßwassersees von China, des Taihu. Er sieht in der Tat eher aus wie ein Meer, wenn man an seinem Ufer steht. Ein paar Fischerboote versuchen in der Ferne ihr Glück. Das Wasser schimmert grünlich-eutroph. Am Ufer ist erstaunlich wenig los, es gibt hier zwar ein paar Pavillons, Parkanlagen und vornehme Hotels, aber offenbar ist das hier nicht der Zugang zum Taihu, den Touristen typischerweise wählen. Das sei eher die andere Seite, erklären mir meine Reisegefährten, bevor ich allein auf einen Steg hinauswandere, an dessen Ende ich dir grüne Masse unter mir habe.
Schließlich lassen wir den See hinter uns und laufen den Heimathafen an, wo mich eine umzingelte Festung erwartet: Yixuan zeigt mir ihre Jugendbücher und schwärmt mir etwas von ihrem Lieblingswerk vor, einem satirischen Gesellschaftsporträt aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Es heißt Die umzingelte Festung.

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Dienstag, 05. Oktober 2010

Jetzt fahr'n wir durch'n Berg...
Von DM, 23:59

Nach dem Frühstück holt mich die Familie in der Lobby ab. Wir fahren rüber über die Grenze nach Anhui und steigen durch einen Berg. Richtig gelesen: durch. Denn in diesem Berg gibt es zum einen eine kolossale Tropfsteinhöhle, die Taiji-Höhle. Man muss sich das so vorstellen wie beim Kalkberg in Bad Segeberg nur (wie alles in China) ungefähr hundertmal so groß bzw. so lang. Natürlich sind wir nicht allein. Es wimmelt hier über die Feiertage nur so von Touristen. Als wir in Grotte Nummer zwei ein Boot betreten, glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen, als ich höre, dass wir zusammen mit einem Dutzend anderer Passagiere acht Minuten lang über einen See oder Fluss, was immer das sein mag, mitten im Berg schippern werden, ehe wir die Bergdurchwanderung über Treppen im Felsgestein zu Fuß fortsetzen. Nach weiteren Tropfstein-Gewölben mit gewaltigen Stalaktiten und Stalagmiten, für deren bizarre Formationen die Chinesen mal wieder höchst passende Namen gefunden haben, mit denen entfernte Ähnlichkeiten mit Tieren, Pflanzen oder Gebäuden suggeriert werden. Der letzte Anstieg ist lang und führt ins Freie. Wir befinden uns auf einer Anhöhe, geschätzte zweihundert Meter hoch. Ein kleines Restaurant mit Talblick bereitet uns einen herzlichen Empfang. Yixuans Papa lotst mich zu den Klos, er muss selber auch mal.
Danach nehmen wir den Fußweg ins Tal und fahren mit dem Auto in das entlegene Dörflein Guangde am Rande der Zivilisation. Hier wohnt eine ältere Schwester vom Papa (er hat sechs Geschwister, das waren noch Zeiten!) mit ihrem Mann, einem Fischteich, Hühnern, Enten und einer rustikalen Grundausstattung. In einem Ofenloch kann man Reisig verbrennen. Darüber in den Zement eingelassen ist ein Badezuber. So können der Onkel und die Tante jederzeit ohne Strom mit warmem Wasser baden. Nach dem wie üblich üppigen Gastmahl (als lokale Spezialität gibt es gekochten Bambus) strecken wir die Glieder aus. Im Fernsehen läuft "Pinky und der Millionenmops" auf Chinesisch, ein alter Bekannter aus meiner "CinemaxX-TV"-Ära. Das chinesische Fernsehen gibt den Film ignorant als US-Produktion aus. Bevor wir wieder aufbrechen, muss ich noch mit ansehen, wie eine der Enten im Gehege hinter dem Bach in den Käscher des Onkels gerät. Sie wird morgen Abend vor mir auf dem Tisch stehen. Auf einem kleinen Fußmarsch erkären mir Yixuan und ihr Papa das mit dem Bambus: Nur die neu sprossenden "Baby-Bamubs"-Bäume könne man ernten und gekocht essen, wie wir es gerade getan haben. Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher zum Stausee vor den Toren von Yixing, auf den wir von der zig Meter hohen, mit Kfz (aber nur für Privilegierte) befahrbaren Staumauer hinabblicken können. Yixuan erzählt mir von einem Dorf, das da unten begraben liegt. Der See ist das Trinkwasserreservoir für Yixing. Das sieht man. Das Wasser ist für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich klar.
Dann geht es heim. Um acht Uhr abends bringt mich der Papa mit dem Taxi ins Hotel. Bis morgen!

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Montag, 04. Oktober 2010

Widerstand zwecklos
Von DM, 23:59

Eine Woche Urlaub! Mein dritter Gegenbesuch in der Familie einer der Studentinnen, die letztes Jahr in Großenaspe waren, führt zu Yixuan (3. v. l. auf dem Foto zum 28.9.) nach Yixing, eine Stadt in der Nähe des großen Sees Taihu. Am Busbahnhof hat sich nach meiner Ankunft um halb vier (zwei Stunden Fahrt) bereits ein Kreis Schaulustiger um mich gebildet, als mich Yixuans Mutter zehn Minuten nach meiner Ankunft mit dem Auto abholt. Ausländer sind hier offenbar nicht so häufig. Mit im Auto sitzt auch Yixuans Kusine, die in Peking Medizin studiert hat und nun Ärztin im Praktikum oder so was Ähnliches ist. In einer schlichten Stadtwohnung mit Kanalblick bekomme ich bittere Kastanien in süßem Wasser serviert. "Seeehr gesund", versichert mir die Familie einhellig. Ich löffel artig daran herum, bis mir der Familienvater die Schüssel wegnimmt. Man muss es mit der Höflichkeit auch nicht übertreiben, scheint er sagen zu wollen. Übrigens ist er ein überdurchschnittlicher Ehemann: Ich sehe ihn die Küche feudeln. Das ist auch in Deutschland eher selten.
Es folgt die erste von drei üppigen Mahlzeiten, mit der man mich die nächsten Tage verwöhnen wird. Dann aber der Schock: Die Eltern von Yixuan haben, da die Kusine im Gästebett nächtigt, beschlossen, mir ein Hotelzimmer zu spendieren! Gemeinsam brechen wir auf zum Hotel - mit einem Zwischenstopp am Seeufer mit Promenade und tanzenden Senioren - und nehmen die Luxusbude im sechsten Stock in Augenschein. Ich spreche von viel zu teurem, gewissermaßen unverantwortlichem "Luxus", aber Widerstand ist selbstverständlich zwecklos.

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Freitag, 01. Oktober 2010

Jetzt fahr'n wir über'n See...
Von DM, 23:59


Mit Liu Chao hat's ja nicht mehr gereicht zu einem Ausflug mit dem Boot über den Xuanwu-See. Sie verbrachte ihren letzten Tag, also Mittwoch, lieber damit, mich in dem beliebten Würfelspiel "Der große Wurf" zu demoralisieren. Dafür schippere ich heute mit Xiao Li über den See. Allerdings ist der Andrang gewaltig. Heute ist der Nationalfeiertag und alle wollen übern See. Wir stehen fast eine Stunde vor dem Fahrkartenhäuschen an. Außerdem gibt es noch Chaos mit denen, die nach der Schiffstour ihre Kaution zurückbekommen wollen. Das wird, ist klar, über denselben Schalter abgewickelt, aber dafür will natürlich keiner mehr Schlange stehen. Apropos Schlangestehen: Vorm Damenklo ist die Schlange fast noch länger. Aber da muss Xiao Li zum Glück auch gar nicht hin. Sie hat schon im Boot Platz genommen. Fehlt nur noch der Steuermann: ich!

Und so fahr'n wir übern See – bis Xiao Li seekrank wird und mich ans rettende Ufer zurückbeordert. Von dort aus flanieren wir dann noch eine Weile am See entlang und essen den Geburtstagskuchen, den eigentlich ein Freund von ihr bekommen sollte, der freilich überraschend nach Hause gereist ist. Da man davon nicht so richtig satt wird, lassen wir den Tag ausklingen mit einem Reisgericht im Schnellrestaurant an der U-Bahn.

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Donnerstag, 30. September 2010

Die Elite des Landes
Von DM, 23:59

Letzter Tag vor den Oktoberferien. Auf dem Rückweg von der Uni spreche ich mit dem Kollegen Chang. Aufmerksame Leser erinnern sich sicher noch an den Eintrag "Ein schweres Geschenk". Genau, es ging um eine Studentin, die bei mir auch in der Nachprüfung kein so richtiges Erfolgserlebnis verbuchen konnte. Nun haben wir noch eine mündliche Nachprüfung anberaumt, die eben dieser Kollege Chang durchgeführt hat. Aber auch er musste feststellen, dass selbst elementares Wissen fehlt. Nun fragt man sich, warum die Studentin sich nicht wenigstens auf diesen klar segmentierten Prüfungsteil zum Thema Konjunktiv 1 mal so vorbereitet, dass sie gut aussieht, und befindet sich mittendrin in einem klassischen Kulturphänomen, einem interkulturellen Konfliktbereich sozusagen: Die Studentin geht nämlich ganz einfach davon aus, dass die Uni, die Alma Mater, sich ganz mütterlich ihrer annimmt und einfach selbst eine Lösung für sie findet und sie irgendwie durchbringt. Die Studenten wissen nämlich: Durchfallen ist hier gar nicht vorgesehen. Durchfallen kann man durch die schwere Hochschulaufnahmeprüfung (Gaokao), danach ist man gewissermaßen "durch". Bei Deutschen erntet man mit diesem Prinzip nur Kopfschütteln.
Das führt uns zur nächsten Konfliktzone. Alljährlich werden uns zwei bis drei Studenten zugelost, die sich zum Militärdienst verpflichtet haben, aber für Fremdsprachen in der Regel nicht mehr Talent haben als ein Bulle zum Milchgeben. Die sitzen dann vier Jahre lang bei uns im Unterricht, verstehen kaum, wovon da vorn am Pult die Rede ist, und schreiben in jedem Diktat 0 %. Herr Chang klärt mich darüber auf, wie das zu- und hergeht: Eine bestimmte Anzahl Studenten muss Fremdsprachen lernen; später werden sie entsprechend verwendet, z.B. bei der Spionageabwehr, E-Mail-Lesen o.ä. Irgendwo in einem Armeebüro der Provinz sitzt nun der Mann, der für die Verteilung der Militärstudenten auf in Frage kommende Unis zuständig ist. Der sitzt dann vor der Kompanieliste und geht dann wahrscheinlich alphabetisch vor und entscheidet: Die drei studieren Englisch, die drei Französisch, die drei Deutsch usw. Klar ist auch, dass die Militärstudenten mit ihrem viel zu niedrigen Gaokao ohne diese Sonderbehandlung nie und nimmer für eine Uni wie die Universität Nanjing zugelassen werden könnten. Eigentlich könnten sie sich also freuen. Da sie aber aufgrund dieses Verfahrens vier Jahre lang die Deppen vom Dienst sind und meist nur staunend zugucken können, wie gut alle anderen Studenten um sie herum auf meine Fragen antworten, hält sich die Freude vermutlich in Grenzen. Denn vier Jahre lang sind sie diejenigen, die am wenigsten können, am wenigsten verstehen und am wenigsten dagegen tun können. Und Herr Chang und ich stellen uns die Frage, was für Soldaten das wohl später sein werden, die vier Jahre lang in einer Zwangslage ausharren müssen, die ihr Selbstbewusstsein nachhaltig untergräbt. Die Elite des Landes züchtet man sich so jedenfalls nicht heran.

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